Ergebnisse der Wirksamkeitsüberprüfung (Evaluation)

Evaluation

Die Ziele der Intensiv-Modifikation Stottern bestehen darin, leichter und weniger zu stottern, negative Gefühle und Vermeidungsverhalten zu vermindern sowie die Einstellung zur Kommunikation zu verbessern. Um zu überprüfen, ob diese Ziele erreicht werden, wurde die Therapie auf ihre Wirksamkeit hin untersucht. Hierzu beantworteten alle bisherigen Patientinnen und Patienten der IMS Fragebögen und wurden außerdem zuhause angerufen, um die Sprechflüssigkeit während des Telefongesprächs zu ermitteln. Dies geschah vor der Therapie sowie bis 2 Jahre nach Beendigung der Intensivphase. Hierdurch werden langfristige Ergebnisse gemessen. Dies ist in der Stottertherapie erforderlich, um die Wirksamkeit einer Therapie zu belegen, da kurzzeitige Erfolge sehr einfach zu erreichen und Rückfälle verbreitet sind.

Realitätsnahe Daten

Wir verfolgen das Ziel, möglichst realistische Daten von den Patientinnen und Patienten zu erhalten. D.h. wir interessieren uns dafür, wie sie tatsächlich in ihrem Umfeld sprechen und mit ihrem Stottern umgehen. Aus diesem Grund werden die Daten nicht von den Therapeutinnen bzw. Therapeuten und nicht während der Durchführung der Therapie oder der Auffrischungstage erhoben. Stattdessen füllen die Patientinnen und Patienten die Fragebögen zuhause aus und werden auch zuhause von einer ihnen unbekannten Person angerufen. Dies erfolgt vor Therapiebeginn sowie direkt nach Beendigung der einjährigen Intensivphase. Weitere Datenerhebungen finden nach einem und nach zwei Jahren statt, und zwar jeweils vor den Auffrischungstagen. Hierdurch erhalten wir ein Bild davon, wie der Stand nach diesen Zeiträumen, unbeeinflusst von den Auffrischungstagen, ist. Da die Auffrischungstage meist unmittelbar positive Wirkung zeigen, würde eine Datenerhebung während oder nach diesen Tagen das Bild positiv verzerren.

Ergebnisse

Es liegen jetzt die Langzeitergebnisse der ersten drei aufeinanderfolgenden Therapiegruppen aus den Jahren 2001 bis 2005 vor. Es nahmen insgesamt 23 Patientinnen und Patienten an den Therapien teil. Von diesen brachen vier die Therapie während der Intensivphase ab. Zu einem Patienten ging der Kontakt während der nachfolgenden zwei Jahre verloren. Die Daten beruhen daher auf insgesamt 18 Patientinnen und Patienten, die zu Beginn der Therapie im Alter zwischen 16 und 62 Jahren waren. Gezeigt werden die Mittelwerte sowie der Standardfehler. Die beschriebenen Änderungen sind jeweils statistisch bedeutsam (signifikant).

Sprechflüssigkeit

Die Abbildung zeigt den Prozentsatz unflüssiger Sprechzeit. Er gibt den zeitlichen Anteil an, den das Stottern beim Sprechen der Patientinnen und Patienten ausmacht. Dieser Anteil liegt langfristig 11 Prozentpunkte unterhalb des Niveaus vor der Therapie.

Prozentsatz unflüssiger Sprechzeit

Gefühle

Die Gefühle beim Sprechen wurden mit Hilfe eines Fragebogens erfasst, bei dem die Patientinnen und Patienten fünf Fragen zu ihren Gefühlen auf einer Skala von 1 bis 7 beantworteten (Cooper & Cooper, 1998). Je höher die Werte, desto negativer sind die Gefühle. Man erkennt eine deutliche Abnahme der negativen Gefühle, die auch langfristig anhält.

Gefühle

Einstellung zur Kommunikation

Die Einstellung zur Kommunikation wurde mit dem Fragebogen S24 (Erickson, 1969; Andrews & Cutler, 1974) erfasst. Er ergibt einen Punktewert zwischen 0 und 24. Je kleiner der Punktewert, desto positiver ist die Einstellung zur Kommunikation. Auch hier ergibt sich eine langfristig stabile Verbesserung gegenüber dem Ausgangsniveau.

Einstellung zur Kommunikation

Vermeidungsverhalten

Das Vermeidungsverhalten wird mit dem Fragebogen PSI-V (Woolf, 1967) erfasst, der einen Wert zwischen 0 und 18 Punkten ergibt. Je höher der Punktewert, desto größer ist das Ausmaß an Vermeidungsverhalten. Dieses Ausmaß sinkt langfristig deutlich, wie die Abbildung zeigt.

Vermeidungsverhalten

Fazit

Die Ergebnisse zeigen, dass die Therapieziele der Intensiv-Modifikation Stottern erreicht werden: Die Sprechflüssigkeit wird gesteigert. Die negativen Gefühle beim Sprechen vermindern sich und das Sprechen bzw. Sprechsituationen werden weniger vermieden als vor der Therapie. Auch die Einstellung zur Kommunikation verbessert sich.

Ein für Stottertherapien typischer Verlauf zeigt sich auch in unseren Daten: Es wird eine starke Verbesserung direkt nach der Intensivphase erreicht. Nach einem Jahr verschlechtern sich die Ergebnisse zum Teil etwas, bleiben aber dann stabil. Die Ergebnisse nach zwei Jahren sind deutlich besser als vor der Therapie.

Die Ergebnisse der Wirksamkeitsuntersuchung zeigen, dass die Patientinnen und Patienten nach zwei Jahren wesentlich weniger als vor der Therapie stottern. Unsere Erfahrung ist, dass sich auch die Art des Stotterns verändert. Es ist mit weniger Anstrengung verbunden, also leichter, und die einzelnen Stotterereignisse sind kürzer.

Die Ergebnisse weisen auch darauf hin, dass die Patientinnen und Patienten die Sprechtechniken zur Verhinderung und zur Auflösung von Blocks in ihrem Alltag relativ wenig anwenden. Sie sprechen flüssiger, ohne auf diese Techniken zurückzugreifen. Ob sich der Einsatz der Sprechtechniken noch steigern lässt bzw. ob dies überhaupt ein realistisches Therapieziel darstellt, ist Gegenstand zukünftiger Forschung.

Literatur

Die detaillierten Ergebnisse der Wirksamkeitsuntersuchung finden sich in:

Natke, U., Alpermann, A., Heil, W., Kuckenberg, S., & Zückner, H. (2010) Langzeitergebnisse der Intensiv-Modifikation Stottern (IMS). Sprache - Stimme - Gehör, 34, 155-164.